Die „Maultrommel“: Ein Fenster ins Weltjamboree 1951

Die Maultrommel: So berichtete das Jamboree 1951 aus Bad Ischl

Am 7. August 1951 erschien die erste Ausgabe der Lagerzeitung „Die Maultrommel“, mitten im 7. World Scout Jamboree in Bad Ischl. Das zwölfseitige Blatt war weit mehr als nur ein Nachrichtenmedium. Es war das Tagebuch einer Weltgemeinschaft auf Zeit. Zwischen Zeltgassen, Lagertoren und den Bergen des Salzkammerguts dokumentierte die Zeitung jene Momente, die das bislang einzige Weltjamboree Österreichs zu einem historischen Ereignis machten. Über 12.800 Pfadfinder aus 61 Nationen waren damals in Bad Ischl versammelt.

„Wir sind begeistert!“

Schon die Titelseite vermittelt die Stimmung im Lager. Unter der Überschrift „Jamboree: Wir sind begeistert!“  beschreibt die Redaktion das Lager als eine „Stadt der viertausend Zelte“ und betont den familiären Charakter des Treffens. Anders als frühere Jamborees sei Bad Ischl ein besonders persönliches Lager, eingebettet in eine Landschaft, in der „die Berge zum Zelt hereinschauen“. Die Wege zwischen den Unterlagern führten über Hügel, durch Wälder und Lichtungen und machten Begegnungen zwischen den Nationen beinahe selbstverständlich

Auch zahlreiche Ehrengäste zeigten sich beeindruckt. Der oberösterreichische Landeshauptmann erklärte, das Jamboree trage den Ruf Österreichs als friedliebendes Land hinaus in die Welt. Ein anderer Satz bringt die Botschaft des Lagers besonders treffend auf den Punkt: „Das Schönste an diesem Jamboree ist, dass man hier sieht, was die Völker eint und nicht, was sie trennt.“

Ganz Österreich war voller Pfadfinder

Besonders spannend sind die Geschichten über die Anreise. Die Zeitung vermittelt, wie sich Österreich in den Tagen vor Lagerbeginn in ein Land der Pfadfinder verwandelte.

Ein kleiner Pfadfinder aus Burma erzählt, was ihn auf der Fahrt am meisten beeindruckte: „Überall so viele Pfadfinder, alle Züge waren vollgestopft mit ihnen.“

Die Berichte zeigen, wie unterschiedlich die Teilnehmer nach Bad Ischl gelangten:

  • Ein Belgier fuhr mit seiner Lambretta von Mons bis ins Salzkammergut.
  • Ein Wiener kam mit dem Fahrrad zum Jamboree.
  • Griechen reisten nach einer stürmischen Schifffahrt an.
  • Der einzige Teilnehmer aus Irak schilderte die Hilfsbereitschaft, die ihm auf seiner Reise begegnete.
  • Oberösterreichische Gruppen verwandelten ihre Zugfahrt in ein rollendes Konzert mit Geigen, Akkordeons, Klarinette und Gitarre.

Die Zeitung berichtet außerdem von einem enormen Verkehrsaufkommen rund um Bad Ischl. Der Transportdienst organisierte Lastwagen, Pferdefuhrwerke und Jeeps, um Holz, Lebensmittel, Gepäck und Menschen zwischen Bahnhof und Lagerplatz zu bewegen. Allein am Eröffnungstag wurden mehr als 13.500 Postsendungen im Lagerpostamt abgefertigt.

Das Lager der Welt im Salzkammergut

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Die Maultrommel vermittelt eindrucksvoll, wie international das Lager war. In den Unterlagern standen Zelte aus allen Teilen der Welt nebeneinander. Armenier lagerten neben Kärntnern, Finnen neben Liechtensteinern, Chilenen bauten ihre Tore neben indischen Pfadfindern.

Eine Reportage vom 16 Meter hohen Aussichtsturm beschreibt den Blick über das Lager als einzigartiges Panorama aus Fahnen, Zelten und kunstvollen Lagertoren. Von dort konnte man die Unterlager der Bundesländer ebenso überblicken wie die Arena, die Gottesdienstplätze und den Lagermarkt.

Besonders stolz waren die österreichischen Gruppen auf ihre Torbauten. Die Vorarlberger errichteten einen riesigen Hochspannungsmast als Symbol ihrer Wasserkraftwerke. Die Wiener begrüßten ihre Gäste durch den historischen „Roten Turm“, während die Burgenländer mit Heidegras am Hut und traditionellen Tonkrügen Aufmerksamkeit erregten.

Schuhputzen im Bach und andere Geschichten der Einfachheit

Die wohl charmantesten Berichte der Zeitung handeln vom Lageralltag. Unter der Überschrift „Jamboree der Einfachheit“ sammelt die Redaktion humorvolle Beobachtungen aus dem täglichen Leben.

Dort findet sich auch die Geschichte, die heute fast sinnbildlich für das Lagerleben wirkt:

„Ich sah einen Belgier, der seine Schuhe an den Füßen ins Wasser hängte und sie waren sauber.“

Was heute ungewöhnlich erscheint, war damals praktische Lagerlogik. Bäche wurden zu Waschplätzen, Werkstätten und Treffpunkten. Die Berichte zeigen, wie unkompliziert die Teilnehmer mit den Gegebenheiten umgingen und wie selbst alltägliche Aufgaben Teil des gemeinsamen Abenteuers wurden.

Ebenso humorvoll sind Geschichten über Duschen, bei denen ein geöffneter Wasserhahn gleich alle anderen nass machte, oder über internationale Verständigungsschwierigkeiten, die manchmal erst durch Wiener Dialekt gelöst werden konnten.

Die Welt zu Gast in Bad Ischl

Die Zeitung berichtet von italienischen, finnischen, pakistanischen, britischen, amerikanischen, griechischen und vielen weiteren Delegationen. Es gibt Geschichten über blinde Pfadfinder aus Paris, über Chilenen, die einen Stern als Lagertor errichteten, und über niederländische Gruppen, die an einen verstorbenen Pfadfinderführer erinnerten.

Ein Fenster in eine besondere Zeit

Heute, 75 Jahre später, ist die erste Ausgabe der „Maultrommel“ weit mehr als eine Lagerzeitung. Sie dokumentiert die Aufbruchsstimmung der Nachkriegszeit, die internationale Bedeutung Bad Ischls und den Geist der weltweiten Pfadfinderbewegung.

Zwischen Berichten über Sonderzüge voller Pfadfinder, Schuhputzen im Bach, kunstvolle Lagertore, internationale Freundschaften und die feierliche Eröffnung spürt man auf jeder Seite, warum dieses Jamboree bis heute als eines der größten Ereignisse der Ischler Stadtgeschichte gilt.

Für die Pfadfinder Bad Ischl ist die „Maultrommel“ daher nicht nur eine historische Zeitung. Sie ist eine lebendige Erinnerung an jene Tage im August 1951, als Bad Ischl für kurze Zeit zum Mittelpunkt der Pfadfinderwelt wurde